Aufschieben

Kennst Du das? Du hast Wichtiges zu erledigen und weißt, was zu tun ist: Lernen für die Klausur, Schreiben an der Hausarbeit, Recherchieren für den Vortrag. Doch noch bevor Du anfängst, drängen sich andere Gedanken auf. Plötzlich erwischst Du Dich beim Aufräumen, bügelst Deine Wäsche, telefonierst mit Freunden oder verlierst Dich in den Weiten des Internets. Am Ende des Tages hast Du viel getan, geplant und gedacht, doch nichts von dem erledigt, was Du eigentlich wolltest. Naja, morgen ist ja auch noch ein Tag! Doch morgen beginnt das Spiel von neuem… Du schiebst auf!

Wir alle schieben hin und wieder Aufgaben vor uns her. Manches ist einfach unbequem, unpassend oder schlichtweg nicht wichtig genug. Grundsätzlich ist das okay. Aufschieben kann ein Weg sein, Prioritäten zu setzen und für seine Bedürfnisse zu sorgen.

Doch schiebst Du Wichtiges regelmäßig auf, schadest Du Dir selbst. Je öfter Du eine Handlung in die Zukunft verschiebst, desto schwieriger wird es, tatsächlich damit anzufangen. Deadlines rücken immer näher, während Dein Ziel in weiter Ferne bleibt. Deine Optionen schwinden. Die Hürde wird immer größer. Zweifel breiten sich aus. Stress und Selbstvorwürfe übernehmen die Kontrolle.

Zu wissen, was Du willst, ohne etwas dafür zu tun, kann enorm frustrieren!

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit Ursachen, Wirkmechanismen und Lösungsstrategien von aufschiebendem Verhalten. Es soll Dir helfen, Dein Verhalten zu verstehen und alternative Handlungsweisen zu entwickeln.

Was bringt uns dazu aufzuschieben?

Aufschiebendes Verhalten ist das Ergebnis eines Entscheidungskonfliktes. Wir sind unsicher, was wir wollen, streiten mit uns selbst, fühlen uns hin- und hergerissen oder zweifeln, was das Richtige ist. Es ist wie beim Tauziehen: Verschiedene Kräfte ziehen uns in unterschiedliche Richtungen. Sind die Kräfte gleich stark, treten wir (trotz größter Anstrengung) auf der Stelle. Ist eine Seite stärker, zieht sie uns in ihre Richtung. Doch die unterlegene Seite lässt nicht locker und hält weiter kräftig dagegen. Kein Wunder, dass wir nicht vorwärts kommen.

Konflikte und Lösungen

Die Unsicherheit, wie wir Entscheidungskonflikten begegnen sollen, nimmt häufig mehr Zeit und Energie in Anspruch als das Erledigen der Aufgabe selbst. Und darin liegt die Gefahr. Verfangen wir uns in Uneinigkeit mit uns selbst, werden wir unproduktiv und frustriert. Erst wenn der Stress so groß wird, dass er den Konflikt überschattet (z. B. kurz vor Abgabeterminen) oder sich die Aufgabe von selbst erledigt (z. B. nach dem Abgabetermin), überwinden wir diesen Kreislauf. Doch danach wartet schon die nächste Herausforderung und das Spiel beginnt von vorn.

Auch wenn jeder Mensch seine Lebenssituation individuell erlebt, ähneln sich viele Konflikte: Wir schwanken zwischen dem Genießen des Momentes und dem Streben nach einer schönen Zukunft, zwischen dem Beschreiten vorgegebener Wege und der Freiheit, unsere Zeit selbstbestimmt zu nutzen, zwischen großen Wünschen und dem Zweifel, diese nie zu erreichen.

Werfen wir einen genaueren Blick auf diese Themen.

Jetzt gegen Später

Betrachte Deine Tagesplanung für heute. Welchen Dingen willst Du Dich widmen? Und wozu? Wahrscheinlich planst Du Handlungen, die mindestens eine von zwei Funktionen erfüllen: das Befriedigen kurzfristiger Bedürfnisse oder das Erfüllen zukünftiger Wünsche.

Wir alle wollen uns gut fühlen, jetzt und in Zukunft. Dafür gehen wir verschiedenen Tätigkeiten nach: Wir essen, trinken, entspannen, verbringen Zeit mit Freunden, Hobbies, im Internet oder beim Fernsehen. Wir sorgen dafür, dass es uns jetzt gut geht. Zusätzlich arbeiten wir, trainieren wichtige Fähigkeiten und lernen für Bildungsabschlüsse. Wir versuchen, für langfristig gute Aussichten zu sorgen.

Interessant wird es, wenn wir diese zwei Gruppen von Aktivitäten in Bezug auf deren emotionale Auswirkungen vergleichen. Hör mal in Dich hinein: Welche Deiner Tätigkeiten erledigst Du gerne? Vermutlich diejenigen, die Dir so schnell wie möglich angenehme Gefühle bereiten.

Menschen suchen kurzfristige Befriedigung. Selbst wenn wir gute Gründe haben, auf Belohnungen zu warten, kostet das Warten Überwindung. Stehen wir vor der Wahl, wollen wir unsere Zeit am liebsten sofort genießen: Wir essen lieber jetzt ein Stück Kuchen als irgendwann in der nächsten Woche. Diese Tendenz zeigt sich schon bei kleinen Kindern und setzt sich im Erwachsenenalter fort. Im Umkehrschluss verschieben wir Unangenehmes so weit wie möglich in die Zukunft. Die Vorstellung, erst nächste Woche lernen zu müssen, fühlt sich besser an, als sofort damit anzufangen.

Gleichzeitig wissen wir, wie wichtig es ist, in unsere Zukunft zu investieren. Sorgst Du nur für den Augenblick, erschwerst Du Dir zukünftige angenehme Erlebnisse: Du verschiebst Stress auf die Tage vor Deinen Prüfungen. Du gehst mit schlechteren Voraussetzungen auf Jobsuche. Du fühlst Dich unwohl, weil Du Dich jedes Mal für den Kuchen entschieden hast. Kurzfristiges Glück kann langfristiges Leid bedeuten.

Im Alltag stehen wir immer wieder vor der Wahl zwischen kurzfristigem und langfristigem Glück: Lerne ich jetzt, um nächste Woche weniger Stress zu haben? Aber ich will doch mit Freunden rausgehen! Trinke ich Wasser und esse Salat, um etwas für meine Gesundheit zu tun? Aber Cola und Burger schmecken gerade so gut! Besuche ich eine Weiterbildung, um beruflich erfolgreicher zu werden? Aber im Urlaub in der Sonne liegen ist viel entspannender!

Ständig musst Du abwägen. Unterschiedliche Stimmen senden gegensätzliche Botschaften. Und alle haben gute Argumente: Ja, was zählt, ist der Moment, und wer weiß schon, was morgen geschieht. Und ja, wenn wir jetzt vernünftig sind, werden wir es uns in Zukunft danken. Alle haben irgendwie recht! Einerseits wollen wir eine traumhafte Zukunft. Andererseits wollen wir jetzt am liebsten nichts dafür tun (aber vielleicht ja morgen).

Wir befinden uns in einem Zwiespalt. Problematisch wird es, wenn dieser Zwiespalt unsere Handlungen bremst. Arbeiten wir weder an einer schönen Zukunft, noch daran, den Moment zu genießen, bleiben Bedürfnisse unbefriedigt.

Dieses Erleben teilen viele Aufschieber. Sie verschieben das Arbeiten an ihrer Zukunft und machen sich deshalb so große Vorwürfe, dass sie den Moment nicht genießen können. Sie verbringen Zeit mit Freunden und denken dabei ans Lernen. Sie beißen in den Kuchen und ärgern sich, dass sie keinen Salat essen. Sie lesen einen Krimi, enttäuscht darüber, dass sie kein Fachbuch lesen.

So entsteht aus dem Wunsch, sich gut zu fühlen, das genaue Gegenteil. Das frustriert.

Bedürfnisse im Fokus

Optimal wäre es, den Genuss der Gegenwart mit der Arbeit an einer positiven Zukunft zu vereinen. Fändest Du Wege, so zu lernen, dass diese Tätigkeit zu Deiner absoluten Lieblingsbeschäftigung würde, gäbe es keinen Konflikt mehr.

Doch diese Konstellation bleibt meistens eine Wunschvorstellung. Daher sind Kompromisslösungen gefragt. Wir brauchen Wege, eine Balance zu finden zwischen angenehmen Gefühlen in der Gegenwart und positiven Zukunftsaussichten. Dafür gibt es zwar keine Patentlösung, doch meiner Erfahrung nach kann Folgendes helfen:

Setze attraktive Ziele! Positive Zukunftsvorstellungen können helfen, Motivation für unangenehme Aufgaben zu gewinnen. Dienen Handlungen einem größeren Zweck, können wir uns leichter zu diesen überwinden. Mit attraktiven Zielen vor Augen, fällt jeder Schritt leichter, denn wir wissen wohin der Weg uns führt.

Stärke Deine Selbstwahrnehmung! Während langfristige Ziele relativ stabil sind, können kurzfristige Bedürfnisse stark schwanken. In einem Moment sind wir hungrig, im nächsten müde. Wir erleben Bewegungsdrang, Wünsche nach Ruhe, Einsamkeit oder Gesellschaft. Wahrzunehmen, welche Bedürfnisse von Moment zu Moment im Vordergrund stehen, ist eine Grundlage für bedürfnisorientiertes Handeln. Diese Fähigkeit kann durch Übung, Gewohnheiten und Rituale gestärkt werden.

Trainiere Deine Disziplin! Viele wichtige Handlungen bereiten wenig Spaß. Erst nach der Erledigung bist Du erleichtert und zufrieden. Das kostet Überwindung! Doch gewöhnst Du Dich daran zu handeln, sobald Du weißt, dass etwas wichtig ist, sinkt die Hemmschwelle anzufangen. Stell Dir vor, wie Du Dich nach dem Erledigen der Aufgabe fühlen wirst und wie sie Dich Deinen Zielen näher bringt. Überprüfe an dieser Vorstellung, ob die Tätigkeit Deine Zeit wert ist. Falls ja, erledige sie am besten sofort. Betrachte diese Vorgehensweise als Training. Wird das Arbeiten an Wichtigem nach und nach zu einer Routine, erschaffst Du viele kleine Erfolgserlebnisse. Das macht Spaß und motiviert.

Arbeite effizient! Je schneller Du Aufgaben erledigst, desto mehr Zeit hast Du für anderes. Effizientes Arbeiten hilft mehr Bedürfnisse in kürzerer Zeit zu befriedigen. Dafür gibt es viele Hilfestellungen, von Methoden der Aufgabenorganisation über Ordnungssysteme bis hin zu Zeitmanagementtechniken.

Diese Erfahrungswerte können das Wahrnehmen, Abwägen und Entscheiden erleichtern. Doch die Herausforderung, von Moment zu Moment zu Deiner kurzfristigen und langfristigen Zufriedenheit zu handeln, bleibt bestehen. Für den Zwiespalt zwischen einem Leben für den Augenblick und dem Arbeiten an der Zukunft gibt es keine optimale Lösung. Eine gelungene Balance zu finden, bleibt eine lebenslange Aufgabe.

Wie diese Balance ausfällt, ist abhängig von Deinen Lebensumständen, Stimmungen, Werten, Wünschen und Zielen: Lebst Du, um Großes zu erreichen, wirst Du viel Zeit in Deine Zukunft investieren müssen. Willst Du hauptsächlich den Moment genießen, wirst Du nach kurzfristigeren Freuden suchen.

Wichtig ist, dass Du Vertrauen darin entwickelst, Dich allen Bedürfnissen ausreichend zu widmen. Das mag eine Weile benötigen. Doch je sicherer Du bist, dass Du Dich um Wichtiges zur richtigen Zeit kümmerst, desto mehr kannst Du im Hier und Jetzt sein – sei es, um zu genießen oder an Deinen Zielen zu arbeiten.

Freiheit gegen Zwang

Der Lernalltag an Schulen und Universitäten bringt viele Verpflichtungen mit sich: Hausaufgaben machen, Abgabetermine einhalten, vorgegebene Inhalte lernen. Zusätzlich werden wir mit Erwartungen anderer konfrontiert: Eltern wünschen gute Noten. Lehrer wollen, dass wir nach ihren Vorgaben arbeiten.

Entsprechen diese Anforderungen nicht Deinen Wünschen und Vorstellungen, kann das zu Konflikten führen: Einerseits erlangen wir Vorteile, indem wir externe Erwartungen erfüllen. Wir bekommen gute Noten und positives Feedback von zufriedenen Eltern und Lehrern. Andererseits bestimmen wir am liebsten selbst über unsere Zeitnutzung und Prioritätensetzung.

Stehen wir vor der Wahl zu lernen, fühlen wir uns hin- und hergerissen zwischen dem Streben nach positivem Feedback und der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Gute Noten fühlen sich gut an, Selbstbestimmung aber auch. Finden wir keine Lösung für diesen Konflikt, wird die Entscheidung auf später vertagt. Das Ergebnis: Wir schieben auf.

Wahlmöglichkeiten statt Zwang

Stellen wir die Funktion dieses Konfliktes in den Vordergrund, werden Lösungswege deutlich. Dafür ist es wichtig herauszufinden, wofür Du etwas erledigen möchtest. Ja, Du willst keine Vokabeln lernen oder Hausarbeiten schreiben. Das glaube ich Dir. Doch wären diese Aufgaben vollkommen bedeutungslos, würdest Du Dich mit guten Gefühlen dagegen entscheiden.

Lösen Gedanken an unerledigte Aufgaben Stress aus, sind sie wichtig. Um herauszufinden wofür, stelle Dir vor, Du würdest Dich endgültig dafür entscheiden, diese nicht zu erledigen. Was spürst Du bei diesem Gedanken? Wahrscheinlich machen sich zwei unterschiedliche Regungen bemerkbar: Einerseits Erleichterung, andererseits ein schlechtes Gewissen.

Doch wem oder was gegenüber hast Du ein schlechtes Gewissen? Was entgeht Dir? Wer würde darunter leiden? Möchtest Du die Erwartungen Deiner Eltern erfüllen? Befürchtest Du im Bezug auf Deine Ziele, zurückgeworfen zu werden? Glaubst Du, nahestehende Menschen könnten schlecht von Dir denken (oder sogar Du selbst)? Je klarer Du diese Fragen beantwortest, desto greifbarer wird das eigentliche Thema.

Das Gefühl von Zwang dient (mindestens) einer Funktion:

Es kann die Verbindung zu wichtigen Menschen stärken. Menschen bewerten ständig das Verhalten anderer. In diese Bewertung fließen Faktoren, wie Erwartungen, Stimmungen, Bedürfnisse, Wahrnehmungen von Situationen, Menschen und Verhaltensweisen ein. Je nachvollziehbarer Dein Verhalten für andere Personen ist und je besser es zu deren Vorstellungen und Bedürfnissen passt, desto positiver werden sie es bewerten. Diese Bewertung kann Beziehungen beeinflussen.

Es hilft, zukünftige Wahlmöglichkeiten zu erschaffen. Gute Noten vermehren berufliche Chancen. Erworbene Fähigkeiten helfen Zusammenhänge zu verstehen und Probleme zu lösen. Die Bewältigung unangenehmer Aufgaben kann helfen, Ziele zu erreichen und Türen zu öffnen.

Es unterstützt uns, unserem Glauben entsprechend zu leben. Wir alle glauben unterschiedliche Dinge über uns und unsere Umwelt. Vor diesem Hintergrund gestalten wir unser Leben und treffen Entscheidungen. Handeln wir konsistent nach unserem Glauben, gewinnen wir Stabilität und Sicherheit.

Erfüllen wir diese Funktionen auf andere Arten und Weisen, wird das Gefühl von Zwang überflüssig. Es gibt viele Wege, Wünsche zu erfüllen und Ziele zu erreichen. Das Erledigen unerwünschter Aufgaben stellt nur eine Möglichkeit dar.

Fokussierst Du Dich darauf, wofür Du Dich gezwungen fühlst, kannst Du Alternativen finden um das Gewünschte zu erreichen. Du erschaffst Raum für wirkungsvollere Optionen. Du hilfst Dir selbst, klare Entscheidungen zu treffen, die sich gut anfühlen. Du erschaffst Wahlmöglichkeiten an Stelle von Zwang!

Gelangst Du zu dem Schluss, dass Lernen die beste Wahl darstellt, wirst Du Dich motiviert Deiner Aufgabe stellen. Findest Du bessere Alternativen, kannst Du Dich mit gutem Gewissen dagegen entscheiden.

Wunsch gegen Glaube

Wenn Du Dir etwas vornimmst, wie sehr glaubst Du an Deinen Erfolg?

Ziele zu erreichen ist, immer mit Aufwand verbunden. Egal, ob Du für eine Klausur, einen Vortrag oder eine Hausarbeit lernst, dahinter steckt Arbeit. Bist Du überzeugt davon, dass sich der Aufwand rechnet, ist es leicht sich selbst zu motivieren. Befürchtest Du, Dich erfolglos anzustrengen, kann das Überwinden mühsam sein.

In dieser Situation hast Du zwei sinnvolle Möglichkeiten: Du gibst auf und sparst Dir die Arbeit oder Du versuchst, dennoch Dein Ziel zu erreichen.

Doch statt sich für eine der beiden Optionen zu entscheiden, wählen viele Menschen (meistens unbeabsichtigt) einen dritten Weg: Sie beschäftigen sich mit ihren Vorgaben, schmieden Pläne, bereiten sich perfektionistisch vor und verschieben die Umsetzung auf später.

Wie lässt sich das erklären? Hinter diesem Verhalten steckt eine Schutzstrategie. Ein Beispiel: Stell Dir vor, Du studierst und stehst kurz vor Deiner Abschlussarbeit. Deine Noten waren bisher hervorragend. Nicht weniger erwartest Du von Deiner letzten Prüfung. Rational betrachtet wäre es sinnvoll, intensiv zu lernen, um Deine Chancen auf eine gute Bewertung zu erhöhen. Wägst Du zwischen verschiedenen Tätigkeiten ab, solltest Du Dich in den meisten Fällen für das Lernen entscheiden.

Doch nehmen wir an, es kommt noch eine zweite Komponente ins Spiel: Zweifel an Deinen Fähigkeiten. Du hast zwar bisher erfolgreich studiert, doch die Abschlussprüfung ist wirklich anspruchsvoll und Du bist unsicher, ob Du sie gut genug bestehen wirst. In diesem Szenario erhöht effizientes Lernen immer noch die Erfolgswahrscheinlichkeit. Doch gleichzeitig steigt das Risiko. Denn je mehr Zeit und Energie Du investierst, desto eher beziehst Du einen möglichen Misserfolg auf Deine Fähigkeiten. Wenn Du alles gibst und dennoch scheiterst, liegt es vielleicht an fehlendem Verstand – dieser Eindruck entsteht schnell.

Beschränkst Du Deinen Aufwand auf ein Minimum, verringerst Du zwar die Chancen, eine gute Bewertung zu erhalten, schützt aber Dein Ego. Im Falle eines Scheiterns hast Du einen guten Grund: Du hast zu wenig gelernt. Sollte die Prüfung dennoch erfolgreich verlaufen, stehst Du sogar noch besser dar. Wie intelligent musst Du sein, um trotz der schlechten Vorbereitung so gute Noten zu bekommen? In beiden Fällen ist Dein positives Selbstbild durch das Aufschieben geschützt.

An diesem Beispiel wird der Konflikt deutlich: Einerseits erhöht Lernen Erfolgschancen, andererseits gefährdet es unser gewünschtes Selbstbild. Je weniger wir an unseren Erfolg glauben und je wichtiger er für uns ist, desto eher neigen wir zu aufschiebendem Verhalten.

Glauben stärken

Um diesen Konflikt zu lösen, hilft es, den Glauben an unsere Fähigkeiten zu stärken. Wir brauchen Beweise für das, was wir können.

Vergegenwärtige Dir dafür, wofür Du eine Aufgabe erledigen willst, die Du vor Dir herschiebst. Welches Ziel verfolgst Du damit? Wo willst Du hin? Male Dir dann einen Weg dorthin aus. Was kannst Du tun, das gewünschte Ergebnis zu erreichen?

Willst Du ein Buch schreiben, entwickle ein Konzept oder schreibe Entwürfe einzelner Kapitel. Möchtest Du einen Marathon laufen, trainiere Teilstrecken in bestimmten Zeiten zu absolvieren. Wünschst Du eine Prüfung zu bestehen, arbeite daran, einzelne Teile des Lernstoffes zu beherrschen und verständlich präsentieren zu können.

Unterteile den Weg zu Deinem Ziel in viele kleine, bewältigbare Schritte. Nutze jeden einzelnen Schritt als Beleg für Deine Fähigkeiten: Ist ein Kapitel geschrieben, weißt Du, dass Du schreiben kannst. Gelingt das Auswendiglernen eines Teiles, wirst Du Dir auch den Rest aneignen können. Kannst Du eine Formel in einer Aufgabe nutzen, wird es Dir auch in anderen gelingen. Je mehr Beweise Du für Deine Fähigkeiten sammelst, desto stärker wird Dein Glaube an Dich selbst.

Erfolgserlebnisse werden verlässlich, wenn Du möglichst kleine Zwischenziele findest. Befindet sich der nächste Erfolg in greifbarer Entfernung, sinkt die Hemmschwelle, sich in diese Richtung zu bewegen. Gleichzeitig werden Aufgaben greif- und bewältigbarer. So erleichterst Du das Anfangen und schaffst Dir ein positives Erlebnis nach dem anderen. Versuche, jeden Schritt so schnell wie möglich (anstatt so perfekt wie möglich) zu absolvieren. Läufst Du konsistent in Richtung Deiner Ziele, wirst Du irgendwann dort ankommen, selbst wenn Du den ein oder anderen Umweg in Kauf nimmst.

Natürlich wirst Du dennoch zweifeln oder Dir einreden, dass Du es nicht schaffst. Doch diesen Gedanken kannst Du belegbare Fakten gegenüberstellen. Glauben wächst durch bestätigende Erlebnisse. Schaffe Dir so viele bestärkende Erfahrungen wie möglich und der Glaube an das Erreichen Deiner Ziele wird wachsen!

Vertraust Du Deinen Fähigkeiten, wird es leichter, schwierige Aufgaben zu erledigen, anstatt sie aufzuschieben.

Konflikte lösen

Bisher haben wir die Eigenheiten besonders häufiger Konflikte beleuchtet. Doch im Lernalltag gibt es eine Vielzahl weiterer Entscheidungskonflikte. Um den Umgang mit diesen zu erleichtern, möchte ich eine allgemeine Lösungsstrategie anbieten:

Nimm den Konflikt bewusst wahr! Innere Konflikte sorgen oft für Unbehagen. Daher neigen viele Menschen dazu, diese zu ignorieren. Doch das ist keine Lösung. Wenn Du Aufgaben vor Dir herschiebst, höre bewusst in Dich hinein: Welche Gedanken, Gefühle oder Vorstellungen nimmst Du wahr? Sagst Du zu Dir selbst, dass Du anfangen solltest, stellst Dir aber gleichzeitig vor, zu scheitern? Willst Du die Aufgabe erledigt haben, aber noch lieber Deine Freizeit genießen? Welche Stimmen regen sich in Dir? Höre ihnen zu!

Finde die Funktion des Konflikts! All' unsere Gedanken haben einen Sinn und erfüllen wichtige Funktionen. Finden wir die Absichten der in Konflikt liegenden Parteien, können wir Alternativen entwickeln, um die gewünschten Funktionen zu erfüllen. Frage alle Stimmen in Dir nach dem beabsichtigten Nutzen: Wofür willst Du das? Wofür willst Du anfangen, vermeiden zu scheitern, die Aufgabe schon erledigt haben oder Ähnliches? Hinterfrage Deine Antworten so lange, bis Du auf ein Bedürfnis stößt. Bedürfnisse motivieren Handlungen. Und oftmals steckt hinter gegensätzlichen Gedanken ein und derselbe Antrieb.

Finde Wege Deine Bedürfnisse zu erfüllen! Weißt Du, aufgrund welcher Bedürfnisse Du etwas willst, kannst Du (neue) Wege suchen, diese zu befriedigen. Versuche dafür nicht den Konflikt, sondern nur die Bedürfnisse zu betrachten. Wie könntest Du ihnen gerecht werden? Was wäre der effizienteste Weg? Finde konkrete und sofort durchführbare Handlungen!

Entscheide Dich und leg los! Es gibt viele Bedürfnisse und unterschiedliche Wege, diese zu erfüllen. Entscheide Dich intuitiv für eine Möglichkeit und probiere sie aus. Achte im Anschluss darauf, wie Du Dich fühlst: Geht es Dir gut, mache mehr davon. Ärgerst Du Dich über die Zeitverschwendung, teste einen anderen Weg. Auf diese Weise kannst Du Dich einem Bedürfnis nach dem anderen widmen.

Gelingt es Dir, die Perspektive Deiner Bedürfnisse einzunehmen, wird es leichter, wichtige Tätigkeiten von unwichtigen zu trennen und innere Konflikte zu lösen. Triffst Du daraufhin klare Entscheidungen und übst, diese umzusetzen, wirst Du weniger aufschieben und zufriedener sein mit dem Erreichten. Du erschaffst Erfolgserlebnisse und Motivation für weitere Entscheidungen. Ein positiver Kreislauf setzt sich in Gang.

Zusammenfassung

Wer aufschiebt, verschiebt wichtige Handlungen auf später. Häufige Folgen dieses Verhaltens sind Stress, Frust und Erfolglosigkeit.

Aufschieben ist ein Ausdruck innerer Konflikte. Wir sind hin- und hergerissen zwischen der Befriedigung kurzfristiger und langfristiger Bedürfnisse, zwischen dem Drang nach Freiheit und dem gleichzeitigen Eindruck von Zwang oder zwischen unseren Wünschen und unserem Glauben. Das verunsichert. Den Umgang mit diesen Konflikten können wir erleichtern, indem wir unterschiedliche Bedürfnisse ausbalancieren, den Zweck hinter dem Gefühl von Zwang aufdecken und mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten gewinnen.

Nehmen wir wahr, welche Bedürfnisse hinter unseren Konflikten stehen, können wir uns aus dem Zwiespalt lösen. Stehen unsere Wünsche an Stelle von Konflikten im Vordergrund, erschaffen wir damit eine Grundlage für klare Entscheidungen. Diese motivieren, weniger aufzuschieben und mehr Gewünschtes zu erreichen.


Weiterlesen: Schlusswort

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