Keine Lust zu lernen

Ich muss lernen. Diese Worte werden selten mit Begeisterung gesprochen. Viele Menschen quälen sich durch den Lernalltag, ringen mit sich selbst, und lernen nur, weil sie glauben, es zu müssen. Doch Lernen ohne Lust ist anstrengend und ineffizient: Ständige Selbstüberredung kostet Energie. Unmotiviertes Lernen ist vergleichsweise langsam und oft erfolgsarm. Nicht zu empfehlen.

Doch was sind Alternativen? Morgen lernen? Aufschieben führt bloß dazu, dass wir das Problem vertagen. Am nächsten Tag stehen wir vor denselben Problemen. Einfach nicht lernen? Das kann ziemlich unangenehme Auswirkungen haben. Schlechte Noten, verringerte Zukunftschancen, Frust, enttäuschte Verwandte und Selbstvorwürfe sind nur einige Beispiele möglicher Folgen. Also lernen wir doch. Wir spornen uns an. Wir wiederholen in unseren Köpfen, was Eltern, Lehrer und andere wohlmeinende Menschen uns einreden: „Du musst lernen”, „Lernen ist wichtig für Deine Zukunft”, „Wer nichts lernt, erreicht auch nichts”. Wir lernen, ohne es wirklich zu wollen.

In diesem Zwiespalt befinden sich viele Menschen. Einerseits wollen sie nicht lernen, andererseits glauben sie, es zu müssen. Ist Lernen nur durch Selbstüberredung möglich, entstehen dadurch schnell Abneigungen. Entweder werden einzelne Fächer („Mathe lernen ist doof”) oder das Lernen allgemein („Lernen ist blöd”) abgelehnt. Dadurch wird Lernen noch unangenehmer.

Motiviert(er) lernen

Spaß ist ein wichtiger Motor für gelingende Lernprozesse. Doch lernen wir häufig ohne Lust, erfahren wir, dass Lernen keinen Spaß macht. Um effizient und erfolgreich zu lernen, sollten wir daher Wege finden, mit Freude zu lernen.

In diesem Kapitel findest Du Ideen, wie Du angenehmer und motivierter lernen kannst.

Vorher werfen wir allerdings noch einen allgemeinen Blick auf das Thema Motivation. Vor diesem Hintergrund kannst Du Deine eigenen Motivationsstrategien überprüfen und lernen gezielt(er) zu nutzen.

Was motiviert uns?

Es gibt viele Wege, sich zu motivieren. In diesem Abschnitt betrachten wir zwei entscheidende Faktoren: unsere Bedürfnisse und unsere Gefühlswelt.

Motivation durch Bedürfniserfüllung

Jede Handlung wird durch die (gewünschte oder erwartete) Erfüllung von Bedürfnissen motiviert. So auch das Lernen.

Wir lernen, weil wir gute Noten, Wertschätzung unserer Eltern, Bestätigung von Fähigkeiten, Bildungsabschlüsse, berufliche Chancen, viel Geld, und mehr erwarten. Doch wofür ist das wichtig? Die Antwort liegt in der menschlichen Natur. Alle Menschen streben nach der Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Wir wollen Sicherheit, Anerkennung, Wahlmöglichkeiten, Freiheit und Selbstbestätigung. Dafür lernen wir!

Doch nicht alle Bedürfnisse sind gleich wichtig. Bist Du hungrig oder müde, wird das Konzentrieren schwer. Musst Du dringend auf die Toilette, lenkt das ab. Fürchtest Du um Dein körperliches Wohl, schaltet der Körper in einen Alarmzustand, wodurch weniger existenzielle Fähigkeiten vermindert werden. Deine Grundbedürfnisse müssen befriedigt sein! Das ist die Basis. Ist diese geschaffen, gilt: Je attraktiver das erwartete Ergebnis ist und je wahrscheinlicher wir glauben, es erreichen zu können, desto motivierter lernen wir.

Motivation durch Gefühle

Bedürfniserfüllung motiviert. Eine andere Art von Motivation spüren wir unmittelbar in unserem Alltag: Was sich gut anfühlt, tun wir gerne. Wir wollen viel Zeit mit Angenehmem verbringen. Unangenehmem widmen wir uns nur, wenn wir angenehme Folgen erwarten oder glauben, noch unangenehmere Auswirkungen vermeiden zu können.

Bevor wir einer Handlung nachgehen, simulieren wir sie (bewusst oder unbewusst) in unseren Köpfen: Mit Freunden treffen? Relaxen? Fernsehen? „Au ja!” Badezimmer putzen? Steuererklärung machen? Lernen? „Lieber nicht!”

Das ist die grundsätzliche Tendenz. Dennoch gibt es viele Situationen, in denen wir uns für das Unangenehme entscheiden. Das hat meistens einen von zwei Gründen:

Unangenehme Folgen rücken zeitlich näher. Dass wir einen Tag vor der Klausur lernen, ist wahrscheinlicher als drei Wochen vorher. Die Vorstellung morgen in der Prüfung zu versagen, fühlt sich schlechter an, als wenn wir noch wochenlang Zeit haben.

Die Alternative ist noch unangenehmer. Bist Du beispielsweise unmotiviert aufzuräumen, kann die Ankündigung von Besuch plötzlich motivieren. Die Scham, dass die Unordnung bemerkt wird, ist größer als die Überwindung aufzuräumen.

Demotiviert durch unklare Entscheidungen

Handlungen werden durch erwartete Folgen motiviert. Wir wägen ab zwischen unterschiedlichen Motivations- und Demotivationsfaktoren, und entscheiden uns für die angenehmste Variante, unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

Doch die Handlung mit den positivsten Auswirkungen zu finden, kann schwierig sein. Viele Möglichkeiten erscheinen ähnlich attraktiv und wir können nur einen Teil der Folgen unserer Handlungen abschätzen.

Wie können wir damit umgehen, wenn mehrere Möglichkeiten gleich attraktiv erscheinen? Wie entscheiden wir uns, wenn etwas jetzt unangenehm ist, aber in Zukunft das Gegenteil bewirkt? Wie lange lohnt es sich, auf Belohnungen zu warten? Wie sehr glauben wir, das Gewünschte erreichen zu können? Was sind Alternativen?

Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns automatisch, um Entscheidungen zu treffen. Je klarer wir uns entscheiden, desto leichter haben wir es in der Umsetzung. Unklare Entscheidungen können dagegen zu Stillstand führen.

Motivation erzeugen

Wir wollen unsere Bedürfnisse so angenehm wie möglich befriedigen. Das motiviert uns. Wünschst Du Dir mehr Lust am Lernen, brauchst Du demnach Wege, Lernaufgaben mit wichtigen Bedürfnissen und positiven Gefühlen zu verknüpfen. Folgende Ideen kannst Du als Anregung dafür nutzen:

Setze konkrete und motivierende Lernziele! Stellst Du Dir vor, welche positiven Auswirkungen Dein Lernen in Zukunft haben wird, erzeugst Du damit angenehme Gefühle. Wieviel mehr Möglichkeiten wirst Du haben? Wie positiv werden andere Menschen Dich sehen? Was wirst Du von Dir selbst denken? Welche Bedürfnisse kannst Du erfüllen? Wie gut wird es Dir gehen? Male Dir Deine gewünschte Zukunft aus und finde konkrete Schritte, die Dir helfen, dorthin zu gelangen. Vergegenwärtigst Du Dir, dass Du lernst, um diese Vorstellung wahr werden zu lassen, kann das große Motivationssprünge bewirken.

Schaffe Erfolgserlebnisse! Viele attraktive Ziele verlangen enormes Durchhaltevermögen. Wir müssen jahrelang daran arbeiten, einen Schulabschluss zu erreichen oder ein Studium zu absolvieren. Um in diesem Prozess motiviert zu bleiben, hilft es, kleinere Erfolge zu feiern. Gelegenheiten dazu gibt es viele: bestandene Prüfungen, verstandene Bücher, gelernte Theorien. Jeder Schritt auf dem Weg zu Deinem Ziel ist ein kleines Erfolgserlebnis. Feiere es! Je leichter es Dir fällt, auch kleine Fortschritte als Erfolg zu werten, desto besser kannst Du Dich motivieren, den nächsten Schritt zu gehen. Weißt Du schon vor dem Lernen, wie gut Du Dich nachher fühlst, wird es einfacher damit anzufangen.

Nutze Lerntechniken, die Spaß machen! Es gibt viele unterschiedliche Arten, etwas zu lernen. Manche machen mehr Spaß als andere. Finde Wege, Dir Wissen anzueignen, an denen Du Freude hast und Du wirst lieber lernen.

Benutze interessantes Lernmaterial! Ist ein Buch langweilig geschrieben, schaue ein unterhaltsames Video. Schläfst Du in der Vorlesung fast ein, suche im Netz nach Alternativen, um an diese Informationen zu gelangen. Zu den meisten Themen gibt es eine Vielzahl von Quellen. Gefällt Dir eine nicht, nutze eine bessere.

Finde Verbindungen zwischen Deinem Lernstoff und wirklich spannenden Themen! Nicht jedes Thema erscheint sinnvoll. Doch auch weniger interessante Lerninhalte können begeistern, wenn Du Verknüpfungen zu Themen findest, die Dich interessieren. Indem Du einen persönlichen Sinn in Deinem Lernstoff erkennst, erleichterst Du das Einprägen und wirst gleichzeitig motivierter lernen.

Es gibt viele Möglichkeiten, angenehme Gefühle und das Erfüllen von Bedürfnissen beim Lernen in den Vordergrund zu stellen. Experimentiere mit unterschiedlichen Strategien und finde Deinen Weg, mehr Lernlust zu entwickeln!

Häufige Probleme

Bisher haben wir uns mit allgemeinen Strategien beschäftigt, um motiviertes Lernen zu ermöglichen. Doch Lernunlust hat meistens gute Gründe. In diesem Abschnitt werde ich die (meiner Erfahrung nach) häufigsten Aussagen zu diesem Thema kurz beleuchten.

Der Lernstoff ist zu viel!

Wenn Du mehr lernen musst, als Du glaubst bewältigen zu können, kann dies mit vielen Themen zusammenhängen: mit geringem Selbstvertrauen, mit langsamem Lernen, mit ineffizienter Zeitnutzung oder unklarer Prioritätensetzung.

Wir alle haben nur begrenzt Zeit zu unserer Verfügung. Je nachdem wie wir unsere Zeit nutzen, schaffen wir mehr oder weniger. Solltest Du regelmäßig zu viel zu tun haben, kann das stressen und demotivieren. Überprüfe deshalb, wie es dazu kommt und was Du verändern kannst. Dafür kannst Du das Kapitel Keine Zeit zu lernen nutzen.

Glaubst Du, nicht genug zu lernen, kann damit die Sorge zu scheitern verbunden. Auf diesen Zusammenhang gehe ich näher in dem Kapitel zum Thema Prüfungsangst ein.

Ist der Lernstoff nur gelegentlich zu viel, überlege vor dem Lernen, wieviel Zeit Dir eine Aufgabe wert ist. Gib in dieser Zeit Dein Bestes, die Aufgabe zu erledigen. Konzentriere Dich nur auf diese eine Sache. Je besser Du es schaffst, alle übrigen Gedanken für den Moment zu ignorieren, desto schneller und besser wirst Du lernen. Entwickelst Du diesen Tunnelblick, kannst Du erstaunlich viel in kurzer Zeit erledigen. Das schafft motivierende Erfolgserlebnisse!

Ich schaffe es einfach nicht anzufangen!

Auf dieses Problem wird detailliert in dem Kapitel zum Thema Aufschieben eingegangen.

Der Lernstoff ist zu einfach!

Das klingt wie ein Luxusproblem. Doch zu einfacher Lernstoff ist demotivierend. Menschen arbeiten konzentriert und motiviert, wenn Aufgaben interessant sind und genau den richtigen Schwierigkeitsgrad besitzen. Sie müssen herausfordernd, aber zu bewältigen sein.

Ist eine Aufgabe zu leicht, überprüfe zuerst

…ob und wofür Du sie dennoch erledigen möchtest. Verbinde ein motivierendes Ziel damit!

…ob Du sie wirklich verstanden und nichts übersehen hast. Manchmal erscheint etwas nur leicht, weil Details nicht beachtet werden.

Sind diese Punkte abgehakt, kannst Du das Lernen herausfordernder gestalten: Erledige die Aufgabe so schnell Du kannst, setz Dir ein Zeitlimit, ergänze die Aufgabe um wichtige und interessante Inhalte oder mach daraus einen Wettbewerb mit Freunden. Pass den Schwierigkeitsgrad an Deine Fähigkeiten an und Du wirst das Lernen als motivierende Herausforderung erleben.

Der Lernstoff ist zu schwierig!

Zu schwere Aufgaben können ebenfalls demotivieren. Ist etwas zu schwierig, vergegenwärtige Dir zuerst, was Du verstehen möchtest und was Du schon verstanden hast. Weißt Du vielleicht, wofür die Aufgabe gut ist, wie etwas funktioniert oder worum es genau geht? Versuche dann, die fehlenden Kenntnisse schrittweise zu erarbeiten. Formuliere konkrete Fragen und beantworte sie eine nach der anderen. Such dafür verständliche Quellen, frag unterschiedliche Menschen nach Erklärungen in einfachen Worten, versuch Analogien zu bilden (was kennst Du, was so ähnlich ist?) und scheu Dich nicht, Hilfe anzunehmen.

Manche Themen sind wirklich kompliziert. Das kann frustrieren. Doch gelingt es Dir dranzubleiben, wirst Du früher oder später das Wichtigste begreifen.

Ich habe nie Lust zu lernen!

Hast Du nie oder selten Lust zu lernen, ist es Dir entweder nicht wichtig genug oder Du hast es zur Gewohnheit gemacht, keine Lust zu haben!

Wie wichtig ist Dir Lernen?

Kein Mensch hat unendlich Zeit und Energie. Daher müssen wir Prioritäten setzen. Wahrscheinlich gibt es vieles, das Du gerne erledigen oder erleben würdest. Doch womit verbringst Du Deine Zeit? Vermutlich mit nur einem Teil dieser Dinge. So wird es auch in Bezug auf das Thema Lernen sein. Vielleicht möchtest Du lernen, aber etwas anderes ist Dir wichtiger. Sei ehrlich zu Dir und überprüfe, worin Du Deine Zeit investieren möchtest, bevor Du Dich zum Lernen überredest. Hegst Du den Wunsch, Dich mehr mit einem Thema zu beschäftigen, wäge ab, welcher anderen Aktivität Du Dich dafür weniger widmest. Bist Du bereit, andere Aktivitäten zu reduzieren, gewinnst Du die benötigte Zeit und kannst loslegen. Falls nicht, stell Deinen Wunsch zurück. In diesem Moment ist er nicht groß genug.

Unlust als Gewohnheit

Zusätzlich zu Inhalten(z. B. Begriffe, Theorien, Modelle), lernen wir Gefühle. Fühlst Du Dich während des Einprägens gut, lernst Du, dass dieses Thema angenehm ist. Fühlst Du Dich schlecht, lernst Du das Gegenteil.

Mit diesen Informationen bilden wir allgemeine und themenbezogene Annahmen über das Lernen: „Mathe macht Spaß”, „Englischaufsätze sind blöd”, „Geschichte ist interessant”, „Lernen ist insgesamt okay, aber keine meiner Lieblingsbeschäftigungen”.

Stehen wir vor der Entscheidung zu lernen oder nicht zu lernen, greifen wir automatisch auf diese Erfahrungswerte zurück. Wir schätzen ab, wie angenehm oder unangenehm es wird. Daraus schöpfen wir Motivation und Vorfreude oder Demotivation und Abneigung.

Je öfter wir solche Erfahrungen machen, desto stärker wird die Verbindung von Lernen und positiven oder negativen Gefühlen. Daraus bilden wir Reaktionsmuster. Macht Lernen immer Spaß, freuen wir uns schon im Vorfeld darauf. Ist es immer langweilig, langweilen wir uns bereits, wenn wir nur daran denken. So können wir uns daran gewöhnen, keine Lust zu haben.

Gewohnheiten sind automatisierte Verhaltensweisen. Wir müssen nicht bewusst darüber nachdenken, um ihnen nachzugehen. Das spart Zeit und Energie, doch erschwert Veränderung und kann Probleme schaffen.

Mehr Lernlust

Glaubst Du einerseits, dass es wichtig wäre zu lernen, doch schaffst es andererseits regelmäßig nicht, die Motivation dafür zu finden, erfüllt Deine Unlust wahrscheinlich eine wichtige Funktion. Um dies zu überprüfen, orientiere Dich an folgenden Fragen:

Was tust Du für Deine Unlust? Emotionale Zustände werden nicht nur gelernt, sondern von Moment zu Moment aktiv erzeugt. Häufig werden dafür eine Reihe von bildlichen Vorstellungen, Erinnerungen und Dingen, die wir zu uns selbst sagen, genutzt. Stell Dir vor, Du müsstest lernen. Vorher denkst Du daran, wie Du Dich stundenlang zwingen wirst am Ball zu bleiben, wie Du immer wieder überlegst, was Du sonst alles Schönes tun könntest und wie blöd sich das Lernen anfühlt. Wie motiviert bist Du jetzt, zu lernen? Vermutlich wenig. Findest Du heraus, wie Du Deine Unlust erzeugst, kannst Du sie verändern. Fragen wie: „Woran denke ich?”, „Was sage ich zu mir selbst?”, „Was stelle ich mir vor?” und „Wie fühlt sich das an?” können helfen, Dir Deine Strategie bewusst zu machen.

Welche Vorteile bringt die Unlust? Wir tun nichts ohne Grund. Das gilt auch für das Erzeugen von geringer Motivation: Wir gewinnen dadurch Aufmerksamkeit und Zuneigung. Wir können unser Selbstbild schützen (wer es nicht richtig versucht, der scheitert auch nicht richtig). Wir können Zeit für andere Dinge gewinnen. Wir können Bequemlichkeiten nachgeben.

Willst Du das verändern? Wenn Du weißt wie und wofür Du ein Verhalten erzeugst, kannst Du leicht entscheiden, ob Du etwas daran ändern möchtest. Vielleicht gibt es viel bequemere, einfachere oder praktischere Wege, den gewünschten Zweck zu erreichen. Möglicherweise aber auch nicht. Neue Gewohnheiten zu schaffen, ist immer mit Arbeit verbunden! Sei ehrlich zu Dir und hinterfrage, ob Du bereit bist, diese Arbeit zu investieren. Entscheide Dich!

Entscheidest Du Dich gegen Veränderungen, lege dieses Buch zur Seite und mach weiter, wie bisher. Bist Du bereit für Veränderungen, überlege, wie Deine optimale Lernsituation aussehen würde: Wie würdest Du lernen? Wo würdest Du lernen? Wann würdest Du lernen und wie lange? Welches Material und welche Quellen würdest Du nutzen? Wie würdest Du Deine Zeit einteilen? Mit wem würdest Du lernen? Wie würde es Dir dabei gehen? Wer würde sich freuen, wenn Du mit Freude lernst? Wer könnte Dich unterstützen?

Versuch so viel wie möglich von Deiner Wunschvorstellung umzusetzen. Dieser Prozess kann aufwändig sein, doch oft bewirken kleine Veränderungen große Verbesserungen!

Ich will nicht lernen, aber ich muss!

Wir alle möchten selbstständig über unser Leben bestimmen und eigene Entscheidungen treffen. Glauben wir, lernen zu müssen, ohne es zu wollen, fühlen wir uns gezwungen. In diesem Fall haben wir zwei Möglichkeiten: Wir fügen uns dem Zwang oder wir wehren uns dagegen. Beides birgt Probleme.

Sich dem Zwang zu fügen, frustriert. Unsere Selbstbestimmung und unsere Freiheit wird eingeschränkt. Die Lust am Lernen bleibt auf der Strecke. Dadurch lernen wir langsam und freudlos. Wehren wir uns, kostet das Zeit und Energie. Das strengt an und wir nehmen uns Möglichkeiten, Zeit mit Angenehmerem zu verbringen.

Doch wie kommt es zu dem Eindruck von Zwang? Wir sind umgeben von Anforderungen: Eltern wünschen sich erfolgreiche Kinder. Ausbildungsstellen erwarten Einsatz und Leistung. Unsere Freunde oder Partner wollen Zeit mit uns verbringen. Die Gesellschaft möchte produktive Arbeiter. Wir selbst wünschen uns Bestätigung, Geld, Wahlmöglichkeiten und ein tolles Leben.

Die Realität ist, dass wir all diesen Anforderungen nicht gleichermaßen gerecht werden können. Versuchen wir es dennoch, ist es leicht, sich überfordert oder erdrückt zu fühlen.

Um Prioritäten zu setzen und die eigene Selbstbestimmung zu stärken, hilft es diese Anforderungen zu hinterfragen: Wofür möchtest Du dem gerecht werden? Was hast Du davon, die Erwartungen Deiner Eltern, Partner, Freunde, der Gesellschaft oder Deine eigenen zu erfüllen? Welche Vorteile bringt das? Welche Bedürfnisse kannst Du damit befriedigen?

Gelingt es Dir, die Annahme fremder Anforderungen auf Deine Bedürfnisse zurückzuführen, gewinnst Du zwei Vorteile:

Du realisierst, dass Du die Erwartungen anderer annimmst, und erfüllen möchtest, um etwas für Dich zu gewinnen. Du willst etwas für Deine Bedürfnisse tun. Du möchtest Anerkennung, Nähe zu wichtigen Menschen, Liebe, Sicherheit und Dein Leben gestalten. Deshalb arbeitest Du daran, all dem gerecht zu werden. Du tust das für Dich. Das Erleben von Zwang ist ein Ausdruck Deiner eigenen Wünsche und Erwartungen.

Du kannst klarere Prioritäten setzen. Ist Dir bewusst, wofür Du etwas willst, kannst Du leichter zwischen Alternativen abwägen und Dich für diejenige entscheiden, die Dich dem gewünschten Ergebnis am schnellsten oder wahrscheinlichsten näher bringt. Du bestimmst, welche Anforderungen Du annimmst und welche nicht.

Damit löst Du einen Teil des Konfliktes. Das Thema „Ich will nicht lernen, aber ich muss” verändert sich. Es wird zu „Ich will nicht lernen”, „Ich bin mir nicht sicher, ob Lernen der beste Weg ist”, „Einerseits will ich lernen, anderseits aber nicht”, „Lernen ist gut, aber anderes ist wichtiger”, „Ich will nicht lernen, muss aber noch geeignete Alternativen finden” oder zu „Ich will lernen, um meinen Bedürfnissen und Anforderungen an mich selbst gerecht zu werden”.

Es ergeben sich neue Perspektiven. Vergegenwärtigst Du Dir die Vorteile des Lernens und möglicher Alternativen, kannst Du entscheiden, was für Dich, Deine Wünsche, Ziele und Bedürfnisse die passendste Handlung ist. Du lernst für Dich oder gar nicht! Das bedeutet nicht, dass Lernen immer angenehm wird. Doch nimmst Du das Steuer in die Hand und arbeitest an Deiner Zukunft, näherst Du Dich Deinen selbstgesteckten Zielen. Unangenehme Handlungen können viele positive Auswirkungen haben. Betrachtest Du sie als Investitionen in Deine Zukunft, kannst Du Dich dennoch gut fühlen. Du hast die Freiheit Dich zu entscheiden. Lerne nur, wenn Du es willst!

Das Thema ist langweilig!

Im Laufe Deines Bildungsweges können Dir immer wieder uninteressante Themen begegnen. In der Schule sind Wahlmöglichkeiten stark eingeschränkt. Im Studium werden fachübergreifende Kompetenzen gefordert. Medizinstudenten benötigen ein Physikum. Sozialwissenschaftler brauchen Statistik. Und auch innerhalb der gewählten Fächer oder Disziplinen ist nicht jedes Thema spannend.

Doch wie können wir damit umgehen? Das Wichtigste ist, eine Entscheidung zu treffen: Wieviel Zeit ist Dir das Lernen wert? Schätze grob ab, welche Folgen es haben wird, dieses Thema zu verstehen oder nicht zu verstehen. Hat das Nicht-Verstehen besonders gravierende Folgen oder das Verstehen besondere Vorteile, kann es sich lohnen, Zeit zu investieren. Denke auch über Alternativen nach. Gibt es andere Wege, Gleiches zu erreichen? Mit Hilfe solcher Fragen solltest Du eine Idee davon gewinnen, wieviel Zeit und Energie Du für dieses Thema aufwenden möchtest.

Wie solche Fragen in der Praxis helfen können, möchte ich an einem persönlichen Beispiel aus meinem Linguistikstudium erläutern: Es gibt unterschiedliche Modelle, Sprachen zu beschreiben. Funktioniert die Analyse einer Sprache nicht wie erwartet, werden Zusatztheorien gebildet, um die Grundannahmen nicht verwerfen zu müssen. Funktionieren diese Theorien in Einzelfällen nicht, werden weitere Hilfsmodelle gebildet, bis ein komplexes System aus Unter- und Übermodellen entsteht. Mit solch einer (laut Dozent bereits veralteten) Hilfstheorie einer Hilfstheorie beschäftigten wir uns ein halbes Jahr. Auf meine anfängliche Frage hin, was wir mit dem erworbenen Wissen nach dem Kurs anfangen könnten, kam ein klares: „Eigentlich nichts”. Wie unmotiviert ich war, dafür mehrere Stunden pro Woche zu investieren, kannst Du Dir sicher vorstellen.

Ich schätze meine Zeit und Energie. Daher war mein erster Gedanke, einfach nicht mehr hinzugehen. Doch ich brauchte noch einen Kurs in diesem Modul. Die Alternative war, ein Semester zu warten, etwas anderes zu belegen und Gefahr zu laufen, einen deutlich anspruchsvolleren und unsympathischeren Dozenten zu erwischen. Abschreckend! Gleichzeitig wäre dies mein letzter Syntaxkurs. Nie wieder Syntax – ein motivierender Gedanke! Also traf ich die Entscheidung, zwei Stunden pro Woche zu investieren. Ich besuchte den Kurs, arbeitete mit, verbrachte maximal 30 Minuten mit zusätzlicher Literatur oder Hausaufgaben. Ich verstand nicht alles, doch es reichte um den Kurs zu bestehen.

Wenn Dich etwas langweilt und Du versucht bist, es sein zu lassen, mal Dir die Folgen aus. Motiviert Dich diese Vorstellung, dennoch Zeit zu investieren, überlege wieviel. Motiviert sie Dich nicht (genug), beschäftige Dich mit Sinnvollerem. Entscheidest Du Dich dafür zu lernen, gestalte es so angenehm wie möglich. Anregungen dafür findest Du in diesem Kapitel unter der Überschrift Motivation erzeugen.

Zusammenfassung

Lernunlust ist weit verbreitet. In der Schule, im Studium oder im Berufsleben entstehen dadurch vielfältige Probleme. Denn Freude ist eine wichtige Voraussetzung für gelingende Lernprozesse. Wie wir uns während des Lernens fühlen und welche Bedürfnisse wir damit befriedigen, beeinflusst entscheidend, wie erfolgreich wir sind.

Indem wir attraktive Ziele setzen, bestätigende Erfolgserlebnisse schaffen, unterhaltsame Lerntechniken verwenden, auf interessantes Material zurückgreifen und Verbindungen zwischen Lerninhalten und wirklich interessanten Themen finden, können wir Lust am Lernen entwickeln und steigern.

Dennoch kann es zu Problemen kommen: Berge von Lernstoff, unpassende Schwierigkeitsgrade, langweilige Themen, ungünstige Gewohnheiten oder der Eindruck von Zwang wirken demotivierend. Für diese Themen können individuelle Lösungen gefunden werden.


Weiterlesen: Keine Zeit zu lernen

oder zurück zum Inhaltsverzeichnis